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  • Ralph Hofmann

Ich bringe ein bisschen Dreck mit...

Sie kommt von der Arbeit nach Hause und geht ins Wohnzimmer wo er mit den Kindern spielt.


Sie: Ich bin's!

Er: Hallo! Schön, dass du da bist.

Sie: (schweigt und wirft einen Blick in die Küche): Wir hatten doch ausgemacht, dass es etwas zu essen gibt, wenn ich nach Hause komme.

Er: Was ist denn los? Du grüßt nicht und nörgelst hier herum.

Sie: Ich ärgere mich. Du hast gesagt, du kümmerst dich um alles. Aber wie es aussieht, ist nichts passiert.

Er: Was ist denn da nichts geschehen? Das Essen ist doch fast fertig, ich brauche nur noch 10 Minuten.

Sie: Aber ist es noch nicht wie vereinbart!

Nach dem Abendessen räumen bei das Geschirr weg.

Er: Nun sag was war heute los?

Sie: Bitte verzeihe mir. dass ich vorhin so schlecht gelaunt war. Ich war ungerecht zu dir. Aber ich war außer mir. Wir hatten heute Teambesprechung, und da unsere Chefin meine Kollegin gelobt wegen des guten Projektes. Dabei ist das doch mein Projekt und sie hat es nur interimistisch übernommen, während ich in Elternzeit war. Die Chefin hat mich mit keinem Wort erwähnt und meine Kollegin hat nichts dazu gesagt. (Sie beginnt zu weinen).


So passiert es oft: Wir sind verletzt oder frustriert wegen einer Sache und können kein Ventil finden. Dann kommen wir nach Hause - und wer ist der Ventilersatz? Die Partnerin oder der Partner. Das ist natürlich nicht fair. Doch das ist im Grunde genommen der "Deal" den wir zu Beginn unserer Beziehung eingegangen sind. In der Verliebtheit haben wir diesen unbewussten Vertrag geschlossen, dass wir füreinander das sein wollen, wenn es eng wird. In guten wie in schlechten Zeiten. Nur das Kleingedruckte haben wir nicht gelesen, denn da steht: Du wirst damit deine Schwierigkeiten haben.


Im Grunde ist es ein Vertrauensbeweis, wenn wir unsere Partner als Blitzableiter verwenden. Das mag Sie überraschen, doch wenn wir uns das näher anschauen, liegt es auf der Hand. Die Frau in meinem Beispiel fühlt sich offenbar im Teammeeting nicht sicher genug, um dort ihren Frust los zu werden. Nur bei ihrem Mann, in ihrer Familie fühlt sie sich sicher und kann ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Nur, dass sie nicht ihren Schmerz loslässt, sondern ihn in Wut umwandelt, weil Wut ein Gefühl ist, das wir viel leichter aushalten können als Schmerz. Wenn es ihnen gelingt, solche Situationen als Vertrauensbeweis zu sehen, haben Sie schon viel gewonnen!


In der Szene ist etwas wunderbares passiert: Der Mann ist ruhig geblieben. Oft passiert es auch, dass der andere explodiert und die Situation das eskaliert. Doch dieser Mann hat wohl schon vermutet, dass es um etwas geht, das gar nichts mit ihm zu tun hat., und hat seiner Partnerin dann auch danach gefragt. Das hat ihr die nötige Sicherheit gegeben, um von ihrem Schmerz zu erzählen und sich von ihm trösten zu lassen. Im Unternehmen, wo sie als Projektleiterin mehrere Mitarbeiter führt und viel Verantwortung trägt, war es für sie nicht möglich, ihre Gefühle zu zeigen. Auch sie hat sich schließlich vorbildlich verhalten, indem sie ihn wegen ihrer Laune um Verzeihung gebeten hat.


Unsere Partner sind in solchen Situationen Blitzableiter. Es kann gut sein, dass diese Blitzableiter die Situation nicht so gut durchschauen wie der Mann in unserem Beispiel. Wir laden unseren Dreck bei ihnen ab, der in eine ganz andere Baustelle gehört und strafen sie für etwas was gar nicht mit ihnen zu tun hat.


Da ist es wirklich nur recht, wenn wir im Nachhinein, wenn wir uns wieder beruhigt haben, sagen können "Es tut mir leid" und auch immer "Danke das du bei mir bleibst auch wenn ich meinen Dreck bei dir ablade.

In Beziehungen ist es eine unserer größten Aufgab, genau zu unterscheiden, wo der Dreck hingehört, der auf unser Gemüt drückt, damit wir ihn nicht unserer Partnerin, unserem Partner um die Ohren schmieren. Damit reduzieren wir nicht nur die vielen kleinen Querelen und zeigen gleichzeitig Respekt und Achtung vor unseren Beziehungen, sondern sind auch noch ein gutes Vorbild für die nächste Generation.


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